Ein Besuch in der Binghoehle

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Das war Anfang Juli 1912, daß wir unsern Beschluss ausführten, den Schulausflug nach der Bing-Höhle bei Streitberg in der Fränkischen Schweiz zu machen. Mit dem ersten Morgenzug fuhren wir über Forchheim nach Ebermannsadt und nach einer guten Stunde Wanderung standen wir vor dem Eingang zu den unterirdischen Geheimnissen. Der Führer hatte uns schon erwartet, weilihm unsere Ankunft auf Tag und Stunde genau gemeldet worden war.

die kleine, eiserne Türe, die den Engang verschließt, tat sich auf. Die Mädchen drängten neugierig heran, fuhren aber gleich wider zlurück, weil alles stockfinster war. Da blitzen ein paar Glühlämpchen auf. Wir treten ein, die Mädchen zaghafter, als ich gedaht hatte. Eine große, nicht gerade hohe Grotte, wohl dreimal so lang wie unser Schulzimmer. "Der Vorraum," sagt der Führer; "er war bsei der Entdeckung der Höhle vollständig mt hereingeschwemmter Erde und Steinen angefült." Von Tropfsteingebilden, von denen ich den Mädchen Wunderdinge erzählt hatte, nicht eine Spur.

Die Lichter verlöschen jäh. Neue blinken vor uns. Da stehen wir schon vor dme Eingang zur eigentlichen Höhle. Aber eng geht es hier zu! Der Gang sit so schmal, daß ein Bösewicht unter den Mädchen unserer Dicksten warnend zuruft: "Paß auf, Kätha, geh seitwärts, sonst bleibst du stecken!" Acu die Höhe des Ganges macht keinen großartigen Eindruck. Unser rechter "Flügelmann" in der Turnstunde kann mit den Fingerspitzen die Decke erreichen, ohne sich besonders zu strecken. Aber der Führer verbietet das. Denn da oben hängen zierliche Tropfsteingebilde wie schmale gewebte Brten mit kurzen, scharfen Spitzen. An einer nischenartigen Vertiefung kommen wir vorbei. Sie sieht aus, als sei sie durch einen mächtigen, faltenreichen Vorhang aus schwerer gelbgrauer Seide verdeckt.

Der Raum, den wir nun betreten, war offenbar einst bei der Entdeckung der Höhle durch eine Felsenmauer abgesperrt; denn die torartige Öffnunf, durch die ein Mann gerade hindurchschreiten kann, zeigt deutlich, daß sie mit Meißel und Schlegel durch den Stein gebrochen wurde. Wiederum öffnet sich vor uns ein schmaler Gang. Seine Wände sind aus gewaltigen, aber sehr regelmäßigen Felsblöcken aufgeschichtet. Man könnte meinen, Riesen hätten hier kunstgerecht mit Lot und Richtscheit gebaut. Da entfährt unsrer Mutigsten, die sich bis jetzt immer unmittelbar hinter dem Führer gehalten hat, ein lautes "Ah!" Was ist's? Mitten im Wege ragt ein riesiger Tropfsteineinsiedler empor. Mehr als zwei Meter in der Höhe mißt er und sein Fuß ist so dick, daß er rechts und links die Wand berührt. Und seltsam! seine Oberfläche ist nicht glatt und gleichmäßig wie bei seinen Genossen; sie hat Absätze, als sei er aus lauter einzelnen immer dünneren Stücken zusammengesetzt. Dazu verbindet ihn ein ganz dünner Kalkfaden mit der Decke des Gewölbes. Sorgfältig drücken wir uns alle an der Wand vorbei, den wundersamen Riesen nicht zu verletzen.

Weiter geht der Weg zwischen den glatten Mauern. Mit einem Male weichen die Wände zurück - ein Gewölbe wei in einer kleinen Kapelle spannt sich über unsern Häuptern aus. Am Boden stehen rechts und links riesige Kerzen asu schneeweißem Tropfstein, manche höher als ich, keine aber dicker als ein arm. Der Führer läßt ein elektrisches Lämpchen aufblitzen, das hinter einer dieser schlanken Säulen hängt: da scheint sie durch und durch in den zartesten Farben der Abendröte zu glühen. "Ei, Brüderchen und Schwesterchen!" ruft plötzlich eines unserer Mädchen. Und wirklich! Da sitzen zwei sonderbare Gebilde einträchtig beisammen: ein kurzer, stämmiger Bursche, der sich herabneigt zu einem kleinern, zartern. Der Führer läßt auch sie beide aufglühen.

Dann ein neues Wunder! Ein nicht hoher Gang, die Decke verkleidet mit zierlichen Tropfsteinborten. Da stehen dünne, blendendweiße Säulchen dicht beieinander wie Lichter auf einem großen tisch und aus den Wänden ragen schief zahlreiche kurze Zapfen gleich hineingesteckten und vergessenen Lichtern. Dort wieder lehnen ein paar Riesensäulen schräg an der Wand. Vor Jahrtausenden schon müssen sie durch eine furchtbare Erderschütterung losgebrochen worden sein. Deutlich zu erkennen ist am Boden noch der kurze Stumpf, worauf sie einst standen. Längst aber sind sie durch den Kalk in dem herabtropfenden Wasser wieder so festgewachsen, daß auch der stärkste Mann sie nicht losreißen könnte. Eine große Säule reicht vom Boden bis zur Decke wie ein gewaltiger Stützbalken. Aber sie ist mitten durchgebrochen und das obere Stück paßt nicht mehr auf das untere, sondern ist nach der Seite verschoben.

Wieder müssen wir uns durch einen engen Gang zwängen. Die großen Kalkblöcke, welche die Wände bilden, sind feucht und voll schwärzlicher Flecken. Der Führer ruft zu den Mädchen zurück, sie möchten sich diese Flecken nur genauer betrachten. "Ei, das sind ja lauter kleine Muschelchen!" "Aber aus Stein!" "Nein, versteinert!" "Und so kleine Falten haben sie, wie mit der Kreppschere gemacht!" So geht's durcheinander. Da erzähle ich kurz: "Vor undenklich langen Zeiten lebten zwischen diesen Schalen dieselben schleimigen Muscheltiere wie noch heute zwischen den Schalen unserer Teichmuschel. Freilich, damals flutete hier und überall, wo sich der Jura erhebt, ein großes Meer. Die Kalkberge, die wir heute früh sahen, waren noch Schlamm auf dem Grunde dieses Meeres. Wenn die tiere in den Muschelschalen gestorben waren, sanken die Schalen auf den Grund und bald deckte sie neuer Schlamm zu. Das Meer verschwand, Gott weiß, wie. Der Kalkschlamm wurde zum harten Stein und die leeren Muschelschalen mit ihm. Ein großer Felsenkirchhof ist es also, was wir hier vor uns sehen."

Nachdenklich gehen die Mädchen weiter. Nicht lange, so wallt wieder ein mächtiger Vorhang von der Wand herab. Im Glanz des heinter brennenden Lichtes erscheint er wirklich wie ein sehr zartes Gewebe, sogar von bräunlichen Bändern wie vo einem Muster durchzogen. Der Führer klopft mit einem Metallstäbchen an die dünne Decke. Da hebt ein wundervolles, langtönendes Klingen an, als ob ein kunstfertiger Musiker seine Harfe anschlüge.

"Geht's denn noch weit?" fragt eine Undgeduldige den Führer. Er lächelt; denn schon stehen wir ganz unvermutet am Ende der Höhle. Ein gefrorener Wasserfall leigt vor uns; aber die Schollen sind zerbrochen und übereinandergeschoben. doch nicht Eis ist es, sonder eine feine, feuchte Kalkdecke. Einst mag hier das Gewölbe niedergebrochen sein. Das kalkhalteige Wasser ergoß sich in Tausenden von Tropfen unaufhörlich über die Trümmer und so entstand in langen, langen Zeiträumen die gelbe, glänzende Kalkschicht über dem Gestein. Wer weiß, welche Wunder noch hinter diesem Felssturz liegen! Wollte man aber weiter mit Hammer und Meißel arbeiten oder gar sprengen, so müßte man dieses herrliche Naturwunder zerstören. Wer vermöchte das zu tun?

Langsam wandern wir zurück. Immer wieder müssen wir stehenbleiben und schauen und staunen. Eine große Freude lebt in unseren Herzen, daß es uns vergönnt war, diesen Wunderbau der Natur zu sehen. Auf der Heimfahrt noch kommen immer neue Fragen, die ich alle beantworten muß, so gut ich kann. Viele nehmen sich vor, bald wieder mit ihren Eltern der wunderreichen Höhle einen Besuch zu machen.

Emil Grimm

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